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Kommunalpolitik aus Absurdistan
Theater Kammerstein: Der Dreiakter „Visionen eines Bürgermeisters“ begeisterte das Publikum

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, lautete einst die trockene Ansage des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt zum Thema Politiker und Visionen.

 

Auch der „visionäre“ Bürgermeister im neuen Stück der Kammersteiner Theatergruppe, Harald Müller (grandios gespielt von Micha Schmidt-Hauck), wäre wohl gut beraten gewesen, rechtzeitig kompetente Hilfe zu holen. Der zweieinhalbstündige Dreiakter „Visionen eines Bürgermeisters“ des Theaters Kammerstein ist eine rasante, überdrehte, teilweise absurde und urkomische Komödie voller überraschender Wendungen.

Bürgermeister Harald Müller befindet sich in einem Dilemma: Er schließt die Grundschule seiner Gemeinde wegen mangelnder Belegung. Die paar verbliebenen Schüler werden künftig per Bus in die Nachbargemeinde gefahren. Die Renovierung des viel zu großen Schulgebäudes hätte sich seine Gemeinde nie leisten können. Umgekehrt kommen alle Kindergartenkinder aus der Nachbargemeinde in Müllers neu renovierte Kita.

Der Knackpunkt: Was geschieht mit dem alten Schulhaus? Bürgermeister Müller will es einer „Heuschrecken“-Investment-Gesellschaft namens „Ruck Zuck Limited und Co KG“ verkaufen, die dort eine Wohlfühl-Oase einzurichten verspricht. Sein Ziel ist die Sanierung der Gemeindefinanzen. Allerdings ist jedem – außer dem leicht naiven Bürgermeister Müller selbst – klar, dass hier ein Großbordell entstehen soll. Bei einem nächtlichen Gelage mit viel Alkohol ergaunert die Vertreterin Ivonne Glitschek (geradezu diabolisch: Jutta Götz) der „Ruck Zuck Limited“ die Unterschrift des Bürgermeisters – freilich ohne einen entsprechenden Gemeinderatsbeschluss.

Schon tags darauf berichtet die Lokalzeitung sensationsheischend über den Kuhhandel. Die Redaktionsleiterin Christine Ziegler (äußerst witzig: Angie Fenner) hatte dem Bürgermeister zuvor mit vollem Dekolleté-Einsatz zahlreiche peinliche Informationen entlockt. Nach dem Erscheinen des Enthüllungs-Artikels sinnen der Bürgermeister und der Parteifreund Robert (stets besorgt: Thomas Gehle) sinnen nach (doppelt), wie sie aus der Blamage herauskommen – allerdings zunächst ohne Ergebnis.

Derweil geht es auch in der Familie des Bürgermeisters drunter und drüber: Seine Tochter Magdalena (frisch und überzeugend: Johanna Mayr bei ihrer Premiere) zieht aus Protest gegen die Schulschließung zumindest symbolisch von zu Hause aus, weil sie gern an der heimischen Schule Lehrerin geworden wäre. Die Ehefrau des Bürgermeisters, Anna Müller (souverän wie immer: Uschi Roser), unterstützt die Tochter und kritisiert die Schulschließung ebenfalls.

Eine gewisse Wendung tritt durch die Verlobte des Sohnes des Hauses ein, der selbst freilich erst spät im Stück auftaucht: Lisa Lange (überaus wandlungsfähig: Sabrina Hummel) sucht diesen ihren Verlobten unter einem ganz anderen Namen, geht allerdings auch auf einen Handel mit der Vertreterin Ivonne Glitschek ein und unterstützt diese bei dem alkoholreichen Gelage mit dem Bürgermeister. Dieselbe Lisa ist es später allerdings auch, die bemerkt, dass Ivonne ihren Koffer mit dem fatalen Vertrag im Haus des Bürgermeisters vergessen hat. Gemeinsam mit Tochter Magdalena und Ehefrau Anna vernichtet Lisa den Vertrag.

Doch die drei Frauen verschweigen diesen erleichternden Umstand dem zunehmend verzweifelten Bürgermeister Müller zunächst, um ihn noch ein bisschen zu quälen. Dieser versucht sich unterdessen mit allerlei absurden Maßnahmen zu retten: Einmal nimmt er Lisa als Geisel („Geisha“, wie er sagt), einmal bedroht er Ivonne und Lisa mit einer Axt, dann Ivonne mit einer Spielzeugpistole.

Zuletzt überzeugt Parteifreund Robert den Bürgermeister, er müsse seine Unzurechnungsfähigkeit beweisen, indem er mit einem Steckenpferd auf dem Rathausdach umherreite. Denn nur durch Unzurechnungsfähigkeit könne der fatale Vertrag noch annulliert werden. Zusätzliche Verwirrung verbreitet Tochter Magdalena mit ihrer Drohung, im künftigen Bordell arbeiten zu wollen. Alles stets launig kommentiert vom Schnaps süffelnden Schwiegervater des Bürgermeisters (viel gute Laune versprühend: Norbert Träg).

Die Lösung des Dilemmas bringt am Ende der Sohn des Bürgermeisters, Michael Müller (dandyhaft cool: Jörg Zanzinger), ein Koch, der unter einem französischen Pseudonym Kochbücher veröffentlicht. Er arbeitet mittlerweile für den Internationalen Koch-Verband und schlägt vor, in der alten Schule eine Kochschule einzurichten. Er überzeugt Ivonne von dem Vorhaben, woraufhin ihre „Ruck Zuck“-Firma von dem Bordell-Plan ablässt und die Finanzierung der Kochschule zusagt. Als Bürgermeister Harald Müller überreißt, dass dieser neue Plan für ihn die Rettung bedeutet, reagiert er erleichtert mit dem Spruch: „Ich hab’s euch doch immer gesagt: Wenn ihr mich zum Bürgermeister wählt, dann werdet ihr euch noch alle wundern!“

Das Publikum im ausverkauften Kammersteiner Bürgerhaus lachte Tränen und reagierte mehrmals mit begeistertem Szenen-Applaus. Insbesondere Anspielungen auf den Kommunalwahlkampf und Kammersteiner Lokalkolorit kamen sehr gut an. Zu Recht hatte Regisseur Klaus Götz vor Beginn der Aufführung „einen humorvollen Blick auf große Pläne, ambitionierte Projekte und die manchmal überraschenden Hürden des politischen Alltags“ versprochen. Das Stück wolle „niemanden bloßstellen, sondern: gemeinsam lachen – und vielleicht auch ein bisschen über uns selbst.“ Mission vollauf erfüllt: Ein toller, begeisternder Theaterabend in Kammerstein.

 

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